Botschaft zu Pfingsten von Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July

Pfingstbrief 2020

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July

 

 

Liebe Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte,  

liebe Kolleginnen und Kollegen,  

liebe Schwestern und Brüder! 

 

Herzlich grüße ich Sie zum Pfingstfest 2020!   

 

Pfingsten fällt in diesem Jahr in eine gesellschaftliche Situation der Verunsicherung, der Suche nach Orientierung und Wahrheit. Das Fest des Geistes Gottes feiern wir in einer besonderen Lage.

 

Die Corona-Krise hat – wie unter einem Brennglas – ein großes Spektrum gesellschaftlicher Haltungen und persönlichen Verhaltensans Licht gebracht. Das reicht von großer Solidarität und Gemeinsinn bis hin zu Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Besonders erschrecken mich Verschwörungsmythen und aufstachelnder Hass.In dieser Situation ist Pfingsten ein Aufbauprogramm des Heiligen Geistes: 

 

Komm, o komm, du Geist des Lebens,  

wahrer Gott von Ewigkeit.  

Deine Kraft sei nicht vergebens,  

sie erfüll uns jederzeit;  

so wird Geist und Licht und Schein  

in den dunklen Herzen sein. 

 

So beginnt das Pfingstlied von Heinrich Held von 1658 im Evangelischen Gesangbuch (EG 134). Die Worte dieses Liedes berühren mich in diesen Tagen besonders. Gott, der Geist des Lebens, ist die Kraft, die uns das Licht, den Schein der Wahrheit, zeigt. Der Geist schenkt uns Geistesgenwart und Unterscheidungskraft, Zuversicht, aber auch „Mut, Geduld und Ruh“ (Strophe 5). 

 

Alle, die in diesen Wochen Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen müssen, werden etwas von der Angewiesenheit spüren, die in diesem Ruf zu hören ist: Komm, o komm, du Geist des Lebens. An Pfingsten wird uns die Ausgießung des Geistes verheißen.Ich wünsche uns in diesem Sinne die Erfahrung des pfingstlichen Beschenktwerdens und geistlicher Freiheit – ja: ein frohes und gesegnetes Pfingstfest 2020! 

 

Dramatische Wochen liegen hinter uns – und schwierige Wochen, Monate noch vor uns. Die Ausbreitung des Coronavirus weltweit, in Europa und in unserem Land hat viele äußere und innere Selbstverständlichkeiten unterbrochen. Entscheidungen mussten getroffen werden, die einen Eingriff in gesellschaftliche und persönliche Lebensvollzüge bedeuteten, ja auch Grundrechte einschränkten. Niemand hätte sich je vorstellen können, dass es eine Zeit geben würde, in der wochenlang in unseren Kirchen keine Gottesdienste gefeiert werden konnten, wie das in den letzten Wochen der Fall war. Und bis auf Weiteres müssen Gläubige noch auf die Feier des Heiligen Abendmahls im Gemeindegottesdienst verzichten und können in den Gottesdiensten nicht gemeinsam miteinander singen.  

 

Aus Gesprächen und persönlichen Zuschriften erfahre ich viel von den Erfahrungen, die Sie mit der Gestaltung des gottesdienstlichen Lebens in dieser Situation machen.  

An vielen Stellen haben Sie aus der Not eine Tugend gemacht:Es war geradezu ein Aufblühen neuer Ideen, von Kreativität und Gemeinsinn wahrzunehmen. Viele von Ihnen haben mit Herzblut und Empathie, mit Improvisationskunst und geistlicher Weisheit Brücken zueinander gebaut, um den Verkündigungs- und Seelsorgeauftrag unter den veränderten schwierigen Bedingungen umzusetzen: Kirchengemeinderätinnen und -räten, Kolleginnen und Kollegen im Pfarrdienst, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch viele Gemeindeglieder. Digitale Formen der Begegnung – in Andachten, Gottesdiensten und Gebeten, die Kommunikation über Brief und Telefon, nachbarschaftliche Hilfe, Hausgebete zu gemeinsamen Zeiten wie zum Beispiel Gesang und Gebet beim Glockengeläut und viele weitere, liebevolle Ideen in den Gemeinden ermöglichten Gemeindeleben, die Erfahrung von Gemeinschaft und Verbundenheit auch in dieser Zeit.  

 

Auch die Diakonie steht in all ihren Bereichen vor großen Herausforderungen. Die Mitarbeitenden, die direkt mit Menschen zusammenarbeiten – in Pflege, Betreuung, Bildung – müssen in dieser Zeit besonders viele Aufgaben und Herausforderungen unter oft schwierigen Bedingungen bewältigen. Der Vorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg, Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, hat mit mir gemeinsam in einem Brief diesen Mitarbeitenden unseren besonderen Dank ausgesprochen.Sie sind Teil unserer Fürbitte und unseres Gebets.  

 

Ihnen allen, die Sie das Evangelium in so vielen Formen weitergeben, danke ich sehr herzlich. An vielen Stellen und in vielen Situationen wurde etwas von der Geistes-Gegenwart Gottes spürbar. Danke!   

 

Dass es unter uns, unter Ihnen Auseinandersetzungen über einzelne Entscheidungen und Maßnahmen, auch Kritik gab, ist in einer solchen Situation nachvollziehbar, zumal die Situation sich stetig ändert und auch die Maßnahmen des Umgangs mit ihr immer neu bewertet und verantwortet werden müssen. Im kirchlichen Kontext erlebe ich die Diskussionslage ähnlich wie in der Gesamtgesellschaft. Auch wir fragen: Wie lange und wie weitreichend sind welche Maßnahmen notwendig und müssen weiter auch verantwortet werden? 

 

Gelingende Kommunikation ist hier wie immer die Voraussetzung, um einen gemeinsamen Weg gehen zu können, immer wieder miteinander durchzubuchstabieren, was in der Situation angebracht ist. 

 

Vor allem zu Beginn der Krise waren schnelle und weitreichende Entscheidungen gefragt. Hier war Leitungsverantwortung gefordert. Die Corona-Taskforce im Oberkirchenrat hat das Kollegium und mich mit großem Einsatz bei Entscheidungen unterstützt, daneben Tausende von Anfragen und E-Mails aus der Landeskirche beantwortet. Dies taten die Mitarbeitenden in einer Situation, die täglich ein neues Gesicht zeigte. Ich danke diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausdrücklich. Ich danke aber auch Ihnen, den Kirchengemeinderätinnen und -räten, den Pfarrerinnen und Pfarrern, die die Empfehlungen des Oberkirchenrats und deren immer neue Aktualisierungen zeitgerecht beachtet und umgesetzt haben. Manche notwendigen Entscheidungen waren hart, manche waren oder sind nicht für alle unmittelbar nachvollziehbar, wie zum Beispiel die Schließung der Gemeindehäuser. Mir sind die Schwierigkeiten, die zu bewältigen waren, bewusst.  

 

Die Kirche ist dem Schutz besonders verwundbarer Menschen verpflichtet. Zu betonen, dass sie aus eigener, innerer Überzeugung auf vulnerable Menschen besondere Rücksicht nimmt, war mir von Beginn an ein besonderes Anliegen und biblische Weisung. Hier spreche ich in großer ökumenischer Übereinstimmung. Aus der Liebe zu den Nächsten verzichten wir darum zeitweilig auf uns zustehende Rechte, um einegute medizinische Versorgung für alle Menschen nicht zu gefährden.   

 

Eine Reihe mir persönlich gut bekannter Menschen ist in den letzten Wochen an Covid-19 gestorben. Ich habe sie vor Augen. Dies erschwert mir das Verständnis und die Geduld mit manchen Argumenten, die auch in unserer Kirche aufkommen, wenn zum Beispiel geschlossene oder geöffnete Baumärkte zur Bezugsgröße der Entscheidungen gemacht werden wollen.Sehr nahe geht mir hingegen die Herausforderung, wie wir den Dienst der Seelsorge in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen angemessen wahrnehmen konnten und können.Auch hier gibt es immer neue Fragen zu stellen und Abwägungen vorzunehmen.  

 

Im Rückblick wird man sicher manche Entscheidungen noch einmal neu betrachten müssen.Besonders deutlich wurde in dieser Situation, wie viele Menschen in dieser Gesellschaft – innerhalb und außerhalb der Kirche – große Erwartungen an den Dienst der Kirchen für Menschen in Krankheit, Einsamkeit und Alter haben. Den Zuspruch und die Begleitung des Evangeliums gerade in dieser Situation zu erfahren, war ein großer Wunsch und gehört zum Kern des kirchlichen Auftrags. 

 

Seelsorgende in Krankenhäusern und Altenheimen waren über Telefon und, wo möglich, auch persönlich auf den Stationen mit Kranken und Sterbenden verbunden, haben sie begleitet. Sie haben in Ethikkommissionen mitgearbeitet und haben Notfallkonzeptionen mit vorbereitet.Besonders belastend war und ist es, dass Kranke oder Sterbende oft von ihren eigenen Angehörigen in dieser Zeit nicht begleitet werden konnten. 

 

Die Pandemie hat auch weitreichende soziale Folgen. Mit Erschrecken nehmen wir die Zunahme häuslicher Gewalt wahr. Auch hier wollen wir Betroffenen mit unserer Beratungsarbeit so weit wie möglich zur Seite stehen. 

 

Auch in Zeiten der Krise sind wir mit Kirchen und Gemeinden weltweit verbunden. Wir stehen in einem engen Austausch mit unseren Partnern und unterstützen deren Arbeit in Kirche und Gesellschaft. Die kirchlichen Hilfswerke (GAW, EMS, Diakonie-Katastrophenhilfe, das Deutsche Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes u.a.) helfen in Zeiten der Pandemie.Als Landeskirche in Württemberg konnten wir zum Beispiel den Geschwistern der Waldenserkirche im besonders betroffenen Italien unterstützend beistehen.  

 

Die Fragen zur Wahrnehmung und Hilfe für Menschen auf der Flucht und die sich weiterhin verschlechternde Situation in vielen Herkunftsländern von Geflüchteten steht weiterhin auf der Agenda der ökumenischen Zusammenarbeit. 

 

Die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie lassen sich zurzeit nur erahnen. Viele Menschen in unseren Gemeinden und in unserem Land leben mit der sehr konkreten Angst um den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Insolvenz betrifft nicht nur einzelne bedauerliche Ausnahmen, sondern ganze Branchen, von denen es niemand für möglich gehalten hätte. Wie Corona das Leben und Arbeiten auf längere Sicht verändern wird, weiß niemand. Unsicherheit aushalten gehört zu den schwierigsten Übungen, vor die uns das Leben stellt.Auch ökonomische Folgen für unsere Kirche werden wir zu bearbeiten und zu bewältigen haben.

 

Liebe Schwestern und Brüder, eine Fülle von Fragen und Themen stehen im Raum. Nach den ersten Wochen des „Funktionierens“ und vieler Tagesentscheidungen fühlen wir uns durch die Pandemie und ihre Folgen auch herausgefordert, unseren Glauben, unser Reden und Tun theologisch neu zu reflektieren. Alte Fragen brechen erneut auf, alte Antworten werden überprüft und in das Licht und den Horizont der Gegenwärtigkeit Gottes gestellt.  

 

Nun bin ich einen kleinen Rundgang durch einzelne Themenbereiche gegangen. Viele Felder fehlen noch, eine Reihe von sehr konkreten Fragen sind in den nächsten Tagen und Wochen zu klären und beantworten.Vor der Synode im Juli werde ich zu diesen Themenfeldern ausführlicher sprechen und hoffe, dass wir bis dahin weitere Klärungen vornehmen konnten. 

 

Heute, mit diesem Brief möchte ich vornehmlich meine Verbundenheit und meinen Dank aussprechen.Das Pfingstfest führte die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu aus Verwirrung, Angst, Sprachlosigkeit in die Gegenwart des Geistes Gottes (Apostelgeschichte 2). Der Geist bringt die Verschiedenen zusammen. In dieser pfingstlich versöhnten Verschiedenheit hören wir gemeinsam die eine Sprache des Evangeliums.  

 

In der Unverfügbarkeit unseres Lebens hören wir von dem, der unser Leben und Sterben fügt. Ihm vertrauen wir unsere Trauer um die Verstorbenen an. Um seinen Geist für unseren Umgang mit den Lebenden bitten wir immer wieder, um Weisheit, Geistesgegenwart, um Mut, Geduld und Ruh. 

 

Komm, o komm, du Geist des Lebens!  

Das ist mein, das sei unser Gebet.  

 

In Verbundenheit 

Ihr 

 

Dr. h. c. Frank Otfried July 

Landesbischof