Jahreslosung

  • add 2018

    Von meiner ersten Klettertour sind mir drei Ratschläge des Bergführers in Erinnerung: „Wir rennen nicht, nehmen keine Abkürzung und trinken nur in festgelegten Pausen!“ Je höher die Sonne stieg, desto schweißtreibender wurde die Aktion. Mein Durst wurde immer heftiger! Am Gipfelkreuz ausruhen und endlich trinken zu können, war ein großartiges Gefühl! Und das bei dem Panoramablick von oben…

     

    Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, gewährt uns der Seher Johannes den Ausschnitt eines Panoramablicks auf das himmlische Jerusalem. Bei allem Geheimnisvollen bergen die Worte der Offenbarung zutiefst menschliche Sehnsüchte. Johannes spannt einen Bogen von den ersten bis zu den letzten Seiten der Bibel. Dazwischen liegt die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Eine Heilsgeschichte, deren Anfang und Ziel in Gott selber begründet liegen. ER allein ist der Garant dafür, dass die Geschichte aller, die seine Worte hören und bewahren, auch meine ganz persönliche Geschichte, zu einem guten Ende kommt. Sein Wort ist immer zugleich Tat. So auch sein Angebot:

     

    „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

     

    Wissen wir, was es heißt, durstig zu sein? Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. Trotzdem sterben jährlich über drei Millionen Menschen, alle zwanzig Sekunden ein Kind, an unzureichender Wasserversorgung. Unvorstellbar! Noch unvorstellbarer wäre es allerdings, wenn Menschen in gefährdeten Regionen das Angebot frischen Wassers ablehnten. Sie stehen Schlange mit ihren Krügen und Kanistern! Weil sie durstig sind und ohne frisches Wasser nicht überleben können.

     

    Es geht um mehr als den Durst nach Wasser.

     

    Es geht um den Durst nach Leben in all seinen Facetten. Die Angebote, diesen Durst zu stillen, scheinen unbegrenzt zu sein. Und wir lassen uns das auch etwas kosten. Die einen investieren alles in Karriere und Anerkennung, in Gesundheit, in die Erfüllung eines Lebenstraumes oder setzen alles in Partnerschaft und Familie. Andere suchen ihr Glück in immer wieder neuen Beziehungen oder rennen von Event zu Event. Manche versuchen es mit einem alternativen Lebensstil bis hin zur Askese. Vieles passiert unbewusst. Das merken wir spätestens dann, wenn die Quellen versiegen, aus denen wir schöpfen. Wenn unsere Gesundheit wackelt, Beziehungen scheitern, Sicherheiten wegbrechen. Manchmal regt sich erst dann die Frage: Aus welchen Quellen lebe ich? Gott will und er allein kann unseren Durst nach Leben stillen aus einer Quelle, die nie versiegt.

     

    Leben aus der Quelle

     

    Das Quellwasser sprudelt, ob wir daraus schöpfen oder nicht. Der Wasserstrom in der Grafik der Künstlerin Stefanie Bahlinger springt auch nicht als erstes in den Blick. Doch er bringt Bewegung ins Bild. Er umspült das braune Gefäß. Darüber schiebt sich ein weißes Gefäß. Beide sind durch ein geschwungenes goldenes Kreuz miteinander verbunden. Es umspannt sie und erstreckt sich vom dunklen unteren Bildrand bis hinein in das warme helle Licht ganz oben. Eine geheimnisvolle Dynamik steckt in der Grafik. Auch ausgelöst durch die intensiv violett - rosa Fläche, die sich mitten ins Bild schiebt, es unterbricht. Violett ist die Farbe der Umkehr. Vielleicht ist diese Fläche ein Spiegel, den Gott mir vorhält. Er durchschaut mich. Wie Jesus die Frau am Jakobsbrunnen. Beim Wasserschöpfen legt er den Finger auf den wunden Punkt ihres Lebens, ihre vielen gescheiterten Beziehungen. Mit dieser harten Wahrheit konfrontiert, lässt er sie nicht stehen, sondern macht ihr ein Angebot, das ihr Leben verändert: „ Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten“. (Johannes 4, 13f) Dieses Wasser spült den Ballast ihres bisherigen Lebens weg. Gerade die vom Leben Gezeichneten und Verletzten lädt Gott zur Quelle ein. Den Gescheiterten und Bedürftigen gilt sein Angebot.

     

    Ganz umsonst

     

    Vielleicht ist das der Punkt, der mir mit meinem Leistungsdenken und Hang zum Perfektionismus widerstrebt. Beide machen auch vor meinem Glauben nicht halt. Ich bin nicht gerne bedürftig. Fehler und Versagen sind nicht vorgesehen. Die Bibel vergleicht uns immer wieder mit Gefäßen. Keinen makellos glänzenden, sondern irdenen! Genau die will Gott mit seinem lebendigen Wasser füllen. Genau da hinein legt er seinen Glanz. So überstrahlt das goldene Kreuz die gesamte Grafik. In ihm liegt das Umsonst begründet. Gott ließ sich unsere Rettung etwas kosten. Das Leben seines Sohnes. Er hat alles bezahlt und beglichen.

     

    Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de

    Die Auslegungstexte finden Sie unter: www.jahreslosung.eu

  • add 2017

    Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

    Hesekiel 36,26 (E)

    „Wie soll das denn gehen?“, frage ich mich. Weil ich weiß, wie schwer es fällt, schon kleine Gewohnheiten zu ändern. Erst recht, einen Neustart zu wagen in den kleinen und großen Bereichen meines Lebens: „Wenn wir nicht völlig umdenken, sieht die Zukunft für nachfolgende Generationen düster aus“, warnen uns besorgte Menschen in Kirche und Gesellschaft.

    „Sie kommen um eine Transplantation nicht herum“, muss die Ärztin dem Patienten mitteilen.
    „Unser Kind ist so widerspenstig!“, äußern verzweifelte Eltern.
    „Wenn möglich, bitte wenden“, tönt die Stimme aus meinem Navi. Ich bin wohl in falscher Richtung unterwegs.

    Deutliche Worte - allen gemein ist, dass sich zeitnah Grundlegendes ändern muss. Dass es sogar lebensnotwendig sein kann. Auch der Prophet Hesekiel hat im Auftrag Gottes klare Ansagen zu machen. Keine leichte Aufgabe! Erst recht nicht, wenn er sie an Gottes Volk richten soll, an Leute „mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen“. (Hesekiel 2, 4)

    Hesekiel stammt aus einer Priesterfamilie und gehört zu den ersten, die von Israel nach Babylon weggeführt wurden. Führende Persönlichkeiten suchen seinen Rat. Mit immer wieder neuen Bildern verkündigt er die ihm von Gott aufgetragene Botschaft. Das Volk Israel will diese Worte nicht hören und lehnt sich gegen den Propheten auf. Da hinein macht Gott sein Angebot:
    „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

    Von sich aus wird Gottes Volk es nicht schaffen, sein Volk zu sein: Ihn als seinen Gott zu erkennen. Das meint weit mehr, als seine Existenz nicht zu leugnen. Es geht um eine tiefe Beziehung, um ein Leben, das sich ganz auf sein Gegenüber einlässt und sich nach ihm ausrichtet. Gott schenkt seinem Volk das, was es für eine lebendige Beziehung braucht:
    „Ich nehme das Herz von Stein aus ihrer Brust und gebe ihnen ein Herz von Fleisch“. (Hesekiel 11,19)

    Dieses Schöpfungshandeln nimmt Stefanie Bahlinger in ihrer Grafik in den Blick. Über ein dunkles, abgestorbenes Herz schiebt sich ein blutrotes, lebendiges Herz. Im Hintergrund entdecken wir eine Zielscheibe. Beide Herzen zielen darauf. Doch nur das rote trifft die goldene Mitte. Wer lässt sich schon gerne sagen, dass er am Ziel seines Lebens vorbeischießt? Ursache war zu Zeiten Hesekiels die Hartherzigkeit des Volkes Israel. Der Prophet geht noch weiter: In Gottes Augen ist das Volk lebendig tot. Doch er steht zu seiner Verheißung: „Auf gute Weide will ich sie führen, im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein. … Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist. (Hes. 34, 14.16)

    Worte voller Hoffnung, die aber zugleich signalisieren, dass das Volk sich nicht selber retten kann.
    Heißt das, dass ich mich selbst aufgeben muss, um vor Gott bestehen zu können? Das ist in der Tat eine Provokation - wenn ein Leben mit Gott eine umfassende Erneuerung meines Denkens, Fühlens, meines ganzen Lebensstils zur Folge hat. Eine Zumutung in einer Zeit, in der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit als die erstrebenswerten Ziele gelten. Um im Bild der Künstlerin zu bleiben: Sünde ist Zielverfehlung. Sie trennt uns von Gott und von Menschen. Doch wir tun uns heute schwer, von Schuld oder gar Sünde zu reden. Umso größer ist unsere Sehnsucht nach Veränderung und Heilsein.
    In der goldenen Mitte der Zielscheibe sehen wir ein Kreuz. Das ist der heilsame Ort, an dem sich Himmel und Erde, Gott und Mensch begegnen. In Jesus kommt er mir ganz nah. Nichts kann ihn daran hindern, immer wieder einen Neuanfang mit mir zu wagen. Mit dem Kreuz legt Gott selber den Grundstein für meine Umkehr und Verwandlung. Mehr noch: für die Neuschöpfung.

    „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

    Leben Menschen, die das erkennen, fortan als Heilige? Sie leben als Heilige im Sinne von: sie gehören Gott, der sie heil macht von allem, was sie von ihm trennt.
    Wenn ich das erkenne, bleibt nicht alles beim Alten. Das rote Herz streckt sich dem Licht entgegen, wächst in ein neues Leben hinein und wird überstrahlt vom goldenen Streif am rechten Rand. Gold steht für das Ziel meines Glaubens: ewig in der unmittelbaren Gegenwart Gottes zu leben. Diese Hoffnung lässt es mich aushalten, dass ich meine Erkenntnis und meinen Glauben oft als vorläufig und bruchstückhaft empfinde. Der gute Hirte bringt auch mich immer wieder von falschen Wegen zurück und hin zum Ziel.
    Lasse ich mir ein neues Herz und seinen lebendigen Geist schenken - mit der Verheißung und dem Risiko, dass nichts so bleiben muss, wie es ist? Das Wagnis lohnt sich. Es kann mit einem Wort beginnen, dem ich meine Ohren und mein Herz öffne. Schon ein kleiner Stein zieht im Wasser weite Kreise. Wie auch die Linien um die goldene Mitte. Wenn ich mich darin verorte, erlebe ich Veränderung in den großen und kleinen Bereichen meines Lebens. Und darüber hinaus.

     

    Motiv: Stefanie Bahlinger

    Auslegungstext: Renate Karnstein

    Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de

    Die Auslegungstexte finden Sie unter: www.jahreslosung.eu

     

     

  • add 2016

    Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

    Jesaja 66,13 (L)

    Das Schluchzen eines Kindes kann sich schnell in Lachen verwandeln, wenn es die Mutter oder der Vater tröstend in die Arme nimmt. Es atmet auf, kommt zur Ruhe und springt wieder fröhlich vom Arm. Dieses Bild habe ich vor Augen, wenn Gott seinem Volk Israel verspricht:
    Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

    Die Geschichte Gottes mit seinen Söhnen und Töchtern läuft alles andere als glatt. Sie gehen eigene Wege, verbünden sich mit Mächten, von denen sie mehr Hilfe erhoffen als von Gott. Aus ihrer Heimat in die Gefangenschaft weggeführt, fühlen sie sich von ihm verlassen und vergessen. Das hindert Gott nicht, an ihnen festzuhalten. In einem weiten Bogen entfalten die Prophetenworte in immer wieder neuen Bildern und Vergleichen Gottes Treue zu seinen Kindern. Sie gipfeln in der Zusage:

    „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ und in der Ankündigung des zukünftigen Heils für Jerusalem.

    Das ist eine Dimension von Trost, die ein „Alles wird gut“ übertrifft. Gott sieht die zerbrochenen Herzen und Hoffnungen. Er nimmt Elend und Scheitern seiner Kinder ernst und macht sie zu seiner eigenen Sache. Wie eine Mutter erbarmt er sich ihrer. – Dieser Vergleich ist einmalig und beschreibt eine besonders innige Seite Gottes, die weit über liebevolle Worte und Gesten hinausgeht:
    Trost ist ein umfassendes Geschehen. Zum einen befreiend: Getröstete bekommen wieder Luft zum Atmen. Zum anderen gibt Trost wieder Grund unter die Füße. Letztlich geht es um Fragen wie: Wer gibt mir Halt? Was trägt mich im Leben und im Sterben?

    Wie kann ich getrost leben - gehalten und frei?
    Getrost leben - mit festem Grund unter den Füßen und einem weiten Horizont?

    Beides finde ich in der Grafik von Stefanie Bahlinger. Zwei Kreise überschneiden sich: einer ist nach links unten, der andere nach rechts oben gerichtet. Ihre Schnittmenge, als goldene Ellipse hervorgehoben, ist leuchtende Mitte des ganzen Bildes. Sie liegt wie eine Diagonale zwischen zwei schemenhaften Figuren. Beide zusammen vergegenwärtigen Seiten von Gottes umfassendem Trost.

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    Die eine beugt sich nach links unten und umarmt eine große dunkle Fläche. Gott selber ist der Tröstende. Er sieht die lebensbedrohliche Not.
    Auch bei mir entdecke ich dunkle Ecken. Wenn ich meine, Gott kümmere sich nicht um mich. Jedenfalls nicht so, wie ich es für richtig halte. Wenn meine Ängste stärker sind als mein Vertrauen in Gottes Nähe. Wenn ich mir einbilde, alles im Griff zu haben und am besten zu wissen, wie die Dinge laufen sollen. Oder wenn ich mich meines Versagens und meiner Abgründe so schäme, dass ich mich am liebsten aus allen meinen Aufgaben zurückziehen möchte. All das wird umfangen von warmem, glühendem Rot. Es sieht aus wie ein „Backofen voller Liebe“, mit dem Martin Luther Gottes Zuwendung zu uns Menschen umschreibt.
    Die zweite, fast spiegelbildlich nach oben rechts gerichtete, Figur zeigt die andere Seite von Gottes Trost. Sie hat mehr Leichtigkeit. Gottes Trost befreit und entlässt in die Weite. Er heilt und erneuert die zerstörte Gemeinschaft mit seinem Volk und eröffnet ihm neue Perspektiven.
    Getröstete Menschen geraten in Bewegung. Innerlich und äußerlich. Die Flügel erinnern an den Heiligen Geist, oft als Taube dargestellt. Er ist der Tröster und wird als weibliche Seite Gottes gesehen.
    Die sich überschneidenden Kreise bilden als Ganzes ein Kreuz mit weichen Rundungen, die an eine Schwangere erinnern und so auf seine Leben spendende Kraft verweisen. Das dunkle Loch des Todes wird überstrahlt vom Gold der Verheißung. Jesus hat am Kreuz alle dunklen Mächte der Welt und in meinem Leben besiegt. Auch den Tod. Seine Auferstehung lässt mich hoffen, was bei Jesaja schon anklingt: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen …“ und in der Offenbarung fortgeführt wird: „ …und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.“
    Sind das nur Trostpflaster, die schlimme Erfahrungen und Verletzungen beim Volk Israel damals und bei mir heute nur überdecken? Vertröstungen, die mich in meinem Alltag nicht erreichen?

    Gott verspricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
    Wenn ich ihn beim Wort nehme, werden sich mir neue Horizonte auftun. Für mein eigenes Leben und für Menschen, die sich nach Trost sehnen. Wie die goldenen Punkte und Striche, die die Künstlerin über ihre Grafik verteilt, kann sich Trost ausbreiten im Hier und Jetzt. Ob ich noch ganz bei Trost bin? - Bestimmt nicht immer! Die goldene Ellipse, Zeichen für den umfassenden Trost Gottes, ist wie ein Auge: Gott sieht mich, auch wenn ich ihn in meiner Not vergesse. Und wie eine Kompassnadel, die mich immer wieder neu auf ihn hin ausrichtet. Damit ich erkenne: mit ihm bin ich ganz bei Trost.

    Motiv: Stefanie Bahlinger

    Texte: Renate Karnstein 

     

    Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de

    Die Auslegungstexte finden Sie unter: www.jahreslosung.eu

  • add 2015

    Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

    Römer 15,7 (L)

    Text von Renate Karnstein:

    Wo fühle ich mich wohl? - Da, wo ich sein kann, wie ich bin. Wo ich mich nicht verbiegen muss, um gemocht zu werden. Wo ich mit meinen Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen ernstgenommen werde. Wo ich keine Angst haben muss, abgeschrieben oder ausgestoßen zu werden, wenn ich nicht so funktioniere, wie es von mir erwartet wird.

    Welche Orte fallen mir da ein? - Ist es meine Ehe, meine Familie, mein Arbeitsplatz? Sind es Freunde? Letztere kann ich mir bekanntlich aussuchen... – Ganz anderes hat Paulus im Blick, wenn er am Ende seines Briefes an die Christen in Rom schreibt:
    Nehmt einander an... Er richtet sich mit dieser Aufforderung an eine bunte Mischung von Christinnen und Christen, an solche mit heidnischen und jüdischen Wurzeln. Letztere sind wohl in der Minderheit. Unterschiedliche Meinungen über „den christlichen Lebensstil“ führen dazu, dass sie sich gegenseitig verunsichern und sich ein schlechtes Gewissen machen. Sie verachten und verurteilen einander. In den Köpfen und Herzen entsteht eine Aufteilung in Starke und Schwache im Glauben. Der Streit darüber droht die Gemeinde zu zerreißen...

    Lange her und doch so vertraut! Streit und Spaltung gehören seit jeher zur politischen Tagesordnung. Leider auch zu der in unseren Gemeinden und Kirchen. Sie könnten, so malt es Paulus den Konfliktparteien vor Augen, Orte der Freude und der Hoffnung sein, wo alle darauf bedacht sind, sich gegenseitig aufzubauen. Oasen der gegenseitigen Ermutigung und des Friedens...

    Alles nur ein frommer Wunsch? Heute fassen wir ihn in Begriffe wie Toleranz, Akzeptanz, Einheit in aller Verschiedenheit. Oft gefordert, selten konsequent umgesetzt. Jedenfalls leichter gesagt als getan.

    Annehmen meint zunächst Gottes konkretes Eingreifen in das Leben von Menschen: er zieht sie aus Gefahr und Verlassenheit zu sich und bietet ihnen einen Schutzraum an. Ganz stark kommt das in den Psalmen zum Ausdruck: „Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich und zog mich aus großen Wassern.“ (Ps. 18,17) So argumentiert Paulus: wie könnt ihr Leute unter euch verachten und aus eurer Gemeinschaft ausschließen, wenn Gott sie angenommen hat? Was maßt ihr euch an? Er ergänzt seine Aufforderung:
    Nehmt einander an,
    wie Christus euch angenommen hat.

    Christus, sein bedingungsloses Ja zu euch, seinen Kindern, ist euer Bindeglied!

    Keine gemeinsame Idee oder Aufgabe, keine Lehre und keine Kirche schaffen die Einheit, die Christus schafft.

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    Die Künstlerin Stefanie Bahlinger stellt das in einem Flickenteppich dar. Stücke aus unterschiedlichem Material sind zusammengenäht. Es gibt Teile mit ähnlichen Farben und Mustern – jedoch gleicht keines dem anderen. Manche Stoffe wirken zart, fast durchscheinend, andere eher grob und fest. Die einen sind filigran gemustert, andere einfacher „gestrickt“. Abstrakte und verspielte Muster wechseln sich ab. So bunt kann und soll die Gemeinschaft von Christen aussehen. Das Reich Gottes ist keine Monokultur und übersteigt unseren begrenzten Horizont! Es gibt Felder mit aufgedruckten Worten in unterschiedlichen Sprachen und Schriften. Damit weitet die Künstlerin unseren Blick für die Gemeinschaft von Christinnen und Christen in aller Welt, die weltweite Ökumene. Längs- und Quernähte verbinden die einzelnen Elemente. Einige verlaufen schief und krumm. Trotzdem verbinden sie und erscheinen im Gesamtbild als Kreuze.

    Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Das ist mehr als Toleranz um ihrer selbst willen. Mehr als ein alle Unterschiedlichkeiten umspannendes Wirgefühl. Weil eben nicht alles gut wird, so sehr wir Menschen auch darum bemüht sind. Was uns von Gott und einander trennt, trug Jesus ans Kreuz. Er heilt uns und unser verletztes Miteinander. Da spielt es keine Rolle, wer die Starken und wer die Schwachen sind. Welche Tradition wir im Gepäck oder welchen „christlichen Stammbaum“ wir haben, wie lange wir schon im Glauben leben oder welche Sprache wir sprechen, welcher Kultur oder welchem Milieu wir angehören, wie alt wir sind, ob wir Mann oder Frau sind.

    Wie Christus euch angenommen hat. Immer wieder überraschend, oft Grund zur Empörung, mit wem Jesus Tischgemeinschaft hatte! Bei ihm gibt es keine geschlossene Gesellschaft. Jesus lädt ein in eine lebendige Gemeinschaft. Sie ist nichts Statisches, ein für allemal Gepachtetes, Fertiges. Die Enden des Flickenteppichs sind lose und offen mit vielen Anknüpfungspunkten. Kirche bleibt Stückwerk wie der Flickenteppich in der Grafik. Und trotzdem ist sie in den Augen Gottes von unschätzbarem Wert. Wie Christinnen und Christen leben, ist nicht egal oder beliebig. Auch nicht ihr Miteinander. Ihr Leben und Miteinander sollen nur einem dienen: dem Lob Gottes. Das verleiht ihnen eine Würde, an die nicht nur die Christen in Rom immer wieder erinnert werden müssen.

    Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Schwebt da etwa ein Heiligenschein über dem Flickenteppich? Oder geht er von ihm aus? Wir glänzen gerne mit wachsenden Gemeinden, phantasievollen Gottesdiensten, schönen Liturgien, anspruchsvoller Musik. Doch sie dienen nicht automatisch dem Lob Gottes. Wie wir miteinander umgehen, ob Christus die Nahtstelle zwischen uns ist, das macht echten „Glanz“ aus. Lob Gottes ist eine Lebensaufgabe, ein Lebensstil. Letztlich geht es darum, ob unser Leben und Miteinander über uns selbst hinausweisen auf den hin, der dem Flickenteppich den Glanz verleiht. Wir sind Teil von Gottes Herrlichkeit. Ihr Glanz liegt über dem Stückwerk unseres Lebens und Miteinanders.

    Der leuchtende Kreis erinnert auch an eine Lupe, die dazu einlädt, genauer hinzusehen. Unser Leben im Lichte Gottes zu betrachten, die Schönheit der einzelnen Stücke zu entdecken – und rechtzeitig zu merken, wo eine Naht zu reißen droht... Der leuchtende Kreis lädt dazu ein, anzuknüpfen, sich einzubringen, seinen Platz zu entdecken. Gemeinde Jesu kann so zu einem Ort werden, an dem ich mich wohl fühle. Weil ER den Flickenteppich zusammenhält.  

     

    Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de

    Die Auslegungstexte finden Sie unter: www.jahreslosung.eu

  • add 2014

     

    Gott nahe zu sein ist mein Glück.

    Psalm 73,28 (E)

    Auslegung zur Jahreslosung 2014 durch den Verlag am Birnbach, Text von Renate Karnstein:

    „Glück gehabt!“ sagen wir, wenn etwas gut ausgeht. Sei es, dass es bei einem Unfall nur Blechschaden gibt, wir entgegen unserer Befürchtungen die Prüfung bestehen, die Diagnose beim Arzt doch nicht so schlimm ist oder es einfach nicht regnet, wenn wir unseren Regenschirm vergessen haben. Eher selten bietet sich die Gelegenheit, es nach einem Lottogewinn auszurufen…
    Die vielen Glücksratgeber lassen darauf schließen, wie stark wir uns nach Glück sehnen. Dabei geht es um mehr als ein schnell dahingesagtes: „Glück gehabt“. Letztlich hat das Wort Glück etwas damit zu tun, wie etwas ausgeht. Glück ist also eine Dimension, deren Qualität sich erst im Nachhinein, vom Ende her gesehen, erweist.

    „Gott nahe zu sein ist mein Glück“, lesen wir im letzten Vers des 73. Psalms von einem, der sich heftig mit seiner im Moment keineswegs glücklichen Situation auseinandersetzt. Der Psalmbeter lässt uns an seinen zwiespältigen Gedanken teilhaben. Er gewährt uns einen Blick in sein angefochtenes Herz und nimmt uns hinein in eine erstaunliche Verwandlung. „Lauter Güte ist Gott für Israel, für alle Menschen mit reinem Herzen. Ich aber - fast wären meine Füße gestrauchelt, beinahe wäre ich gefallen“, beginnt er. Warum dieses „Ich aber...“ Für ihn ist es unerträglich, dass Menschen, die sich weder um Gott noch um ihre Mitmenschen scheren, das Glück scheinbar für sich gepachtet haben. Dass ausgerechnet diese „Gottfernen“ ein erfolgreiches Leben führen. „Mein Herz war verbittert, mir bohrte der Schmerz in den Nieren“, so sehr litt der Beter täglich unter der in seinen Augen ungerechten Situation. Fast hätte er darüber sein Vertrauen in Gottes Güte verloren und seine Treue zu ihm aufgekündigt. Was nützen ihm alle Anstrengungen, sich nach Gottes Geboten zu richten, sein Herz „rein zu halten“?
    Die, die sich über Gott erheben, werden nicht bestraft. Im Gegenteil: ihre Haltung und ihr Handeln sind auch noch von Erfolg gekrönt. Das nehmen sie wiederum zum Anlass, sich über Gott zu erheben und noch andere in ihren Bann zu ziehen. Sogar den Psalmbeter.

    Sind wir da nicht ganz nah bei uns heute? Scheinen in unserer Welt nicht diejenigen die Macht zu haben, die rücksichtslos nur ihre eigenen Interessen unter Einsatz menschenverachtender Mittel vorantreiben? Ohne Rücksicht auf die Schöpfung und Respekt vor dem Schöpfer suchen sie ihren eigenen Gewinn. Selbst in unserem persönlichen Umfeld haben wir oft den Eindruck: Der Ehrliche ist der Dumme. Wie gut kann ich da die quälenden Gedanken des Psalmbeters nachvollziehen. Er bleibt allerdings nicht darin stecken, weil er merkt: diese Grübeleien sind mir zu schwer, sie machen mich kaputt und bringen mich weg von Gott. – Er bricht aus dem Teufelskreis seiner Gedanken aus und tritt ein „ins Heiligtum Gottes“, in Gottes Nähe. Da geht ihm ein Licht auf. Er nimmt wahr, wie schlüpfrig der Grund ist, auf dem die Gottfernen stehen, wie schnell ihre Glückssträhne reißen kann. Vor allem erkennt er, welch einen festen Grund er in seinem Leben hat. So nimmt er zum Schluss seines Gebetes das „Ich aber“ des Anfangs wieder auf:
    „Ich aber - Gott nahe zu sein ist mein Glück.“

    Ein Zweifaches klingt darin an: „Gott ist mir nahe“ - und: „Ich bin Gott nahe“. Diesen Zweiklang finden wir auch in der Grafik Stefanie Bahlingers.

    Gott ist mir nahe
    Kann ich Gottes Nähe überhaupt aushalten? Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, würde doch kein Mensch überleben! Nur wenige durften sich ihm stellvertretend nähern, wie etwa der Hohepriester im Allerheiligsten. Für die Nähe Gottes zu uns Menschen wählt die Künstlerin das Bild von der Weinrebe.
    Die saftigen Trauben in der Bildmitte gehören zu einem Weinstock, dessen Zweig sich waagerecht über die obere Bildhälfte erstreckt. Sie hängen an ihm, sind mit ihm und untereinander verbunden. Aufgefangen und gehalten in einem durchsichtigen Kelch. Ganz stark erinnert das an Jesu Worte: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh. 15,5). In Jesus hat Gott selbst die unmittelbare Nähe zu sich hergestellt. Ein feiner Längsbalken zieht sich senkrecht nach unten durch den Zweig und bildet so mit ihm ein Kreuz. Jesu Leiden und Sterben wird durch die Blutstropfen entlang des Längsbalkens angedeutet. Warmes Licht strahlt in Richtung Kelch von dem Kreuz ab. Ein Bild voller Energie und Lebendigkeit!
    An der Stelle, an der sich Kreuz und Kelchrand berühren, springt ein leuchtender Funke über. Sein weißes Licht umgibt den Kelch, breitet sich in ihm aus und korrespondiert mit der hellen Sonne rechts oben.

    Ich bin Gott nahe
    Am dunkelsten ist die Grafik unten links in der Diagonale zur Sonne. Allerdings leuchtet auch hier rötliche Farbe auf. Der Psalmbeter macht die Erfahrung und muss vor Gott eingestehen: „Ja, wer dir fern ist, geht zugrunde“.
    So hängt der Wert seines ganzen Lebens und Schaffens davon ab, ob er in Gottes Nähe bleibt. In Gottes Nähe erkennt er, was wirklich zählt. Nichts auf der Erde oder im Himmel kann für ihn die Nähe zu Gott aufwiegen. Sie ist gut für ihn, sie ist seine Freude, sie ist sein Glück.

    Was ist gut für mich,
    was ist meine Freude, was ist mein Glück?

    Fällt mir da zuerst die Nähe Gottes ein?
    Oder nicht vielmehr meine Familie oder Erfolg im Beruf? Sind es meine Freunde, atemberaubende Momente im Urlaub, die mich glücklich machen? Oder meine Gesundheit und finanzielle Unabhängigkeit? - Alles nicht verwerflich! All das darf ich genießen! Allerdings kann es zwischen Gott und mir stehen, wenn das mein einziger Wert ist. Letzten Halt vermögen sie mir nicht zu geben. Es sind Geschenke auf Zeit. Das ist mir mal mehr, mal weniger bewusst. Ganz nah bei Gott zu bleiben, schaffe ich nicht von mir aus. Auch nicht der Psalmbeter. Wohl sagt er: „Ich aber bleibe immer bei dir“, doch schließt er sogleich an: „…du hältst mich an meiner Rechten. Du leitest mich nach deinem Ratschluss und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit.“

    Außerhalb des Kelchs sind angedeutete Kreise und Flächen. Die Kreise können Trauben sein, die von der Rebe abgefallen sind. Einer der Kreise links unten ist mit einer Zahl versehen – so können es auch Geldstücke – und Scheine sein. Sind es Perlen oder Kugeln, gar Lottokugeln? Jedenfalls steht das Kreuz mitten darin. Sein heller Schein fällt auch auf sie. Allerdings können sie keinen letzten Halt bieten. Sie scheinen im Raum zu schweben – wie Seifenblasen zu zerplatzen oder nach unten durchzufallen – zusammen mit denen, die ihr Herz an sie hängen, ihr Leben nach ihnen ausrichten.

    Gott nahe zu sein ist mein Glück
    In ganz besonderer Weise passiert diese Nähe im Abendmahl. In der Grafik schimmert beim genauen Hinsehen Wein im Kelch, durch den von oben her helles Licht fällt. Der Kelch steht auf einem schemenhaften Fuß, durch den der Wein nach unten durchzufließen scheint. Das Blut am Kreuz spiegelt sich in dem Wein im Kelch wider. Jesus lädt mich ein an seinen Tisch. Dass er für mich ist, wird mir im Abendmahl persönlich zugesprochen. In Brot und Wein ist er mir ganz nahe, darf ich ihn, seine Freundlichkeit und Güte schmecken. Wie beim Psalmbeter im Heiligtum, so kann diese Nähe auch bei mir eine erstaunliche Verwandlung bewirken. Indem ich entdecke, dass ich nicht allein bin mit meinem Fragen und meiner Verzweiflung, mit meinem Versagen und meiner Schuld. Er schenkt mir, soviel ich brauche. Er begegnet mir auch in Menschen an meiner Seite. Bei ihm komme ich nicht zu kurz. Auch wenn ich mich immer wieder von Gott entferne, oft ohne es zu merken, bleibt er mir doch nahe. Das ist mein Glück!

    Das Kreuz weist hin auf die strahlende Sonne, die wie eine Perle aus der Ewigkeit herein leuchtet. Dahin, in seine unmittelbare Nähe, lädt Gott mich ein. Da ist vollkommenes Glück!

     

    Text: Renate Karnstein

    Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de

    Die Auslegungstexte finden Sie unter: www.jahreslosung.eu

  • add 2013

    Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

    (Hebräer 13,14)

     

    Auslegung zur Jahreslosung 2013 durch den Verlag am Birnbach:

    Viele sind auf der Suche nach Heimat. Nicht nur Menschen, die auf der Flucht sind oder im Exil leben. Heimat ist mehr als ein Ort, in dem wir die Kindheit verbracht haben. Heimat ist ein Ort der Sehnsucht nach Unversehrtheit und Geborgenheit. An diesem Ort weiß ich: Hier gehöre ich hin. Hier will ich bleiben.

    Gibt es diesen Ort? Oder ist er eine Utopie, die wir nur träumen können, bestenfalls in wenigen Momenten unseres Lebens erahnen?
    „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ – dieser Aussage kann ich zustimmen. Doch wie gehe ich damit um? Welche Konsequenzen hat es für mein Leben, dass nichts, was mich umgibt, Bestand hat? Dabei geht es um weit mehr als das Dach über meinem Kopf. Es geht um alles, was mein Leben hier ausmacht: meine Familie, meine Freundschaften, mein Engagement in Beruf und Ehrenamt – meine Erkenntnisse, mein Lebenskonzept, vielleicht sogar um meinen Glauben. Ist mein Leben nur Durchgangsstation, die es zu überwinden gilt? Gemäß dem Motto: nur das Ankommen am Ziel zählt.
    Nein! – Mein Leben hier auf dieser Erde hat Qualität und Lebenswert an sich. Schaffe ich es, den Augenblick zu leben und zu genießen trotz der Erkenntnis: Hier kann ich nicht bleiben – ich bin nur Gast? Meine Heimat, meine „Bleibe“ ist mehr als das, was mich umgibt und mir so wichtig scheint.

    Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

    Wieder eine der vielen Vertröstungen, die die Bibel für mich parat hat, wenn mir mein Leben Mühe macht? Meine Heimat ist im Himmel, liegt also fern von hier. Außerhalb von Raum und Zeit im himmlischen Jerusalem. Das nicht als Vertröstung sondern als Trost zu verstehen, ist eine Herausforderung, der ich mich immer wieder neu stellen muss. Wenn ich Gefahr laufe, das Leben nur einseitig unter dem Aspekt der Vergänglichkeit und Vorläufigkeit zu sehen. Dann versäume ich die vielfältigen Gestaltungsräume, die Gott mir eröffnen will. Oder wenn für mich nur das zählt, was ich auf dieser Erde erreiche, und allein bei mir die Verantwortung für das Gelingen meines Lebens liegt. So werde ich frei von dem Druck, mein Leben perfekt meistern zu müssen, alles im Hier und Jetzt geregelt zu bekommen.

    Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

    Ein Sehnsuchtswort! Suchen meint hier ein ganzheitliches Hinwenden, Ausrichten nach ewig Beständigem. Dabei helfen mir Fragen wie: Woran orientiere ich mich? Wie tragfähig ist mein „Lebenshaus“ und wie kann es lebendig bleiben? Letztlich geht es um Hingabe an Gott. Von ihm allein bezeugt die Bibel, dass er „bleibend“ ist. Glauben heißt, mit Gott unterwegs zu sein, immer wieder neu aufzubrechen mit und zu ihm.
    Wie schon Israel, das wandernde Gottesvolk. Es hatte kein festes Dach über dem Kopf, lebte in Zelten. Auf der Suche nach dem gelobten Land kam es auf vielen Um– und Abwegen schließlich in Kanaan an. Selbst nachdem Salomo dort ein Haus für Gott errichtet hatte, war es wieder nur an einem vorläufigen Ziel. Es folgten Verschleppung und Exil und wieder die Sehnsucht nach Jerusalem! Nach der Rückführung musste das Volk auch noch erleben, wie der Tempel zerstört wurde.
    „Diese alle sind gestorben und haben das Verheißene nicht erlangt, sondern nur von ferne gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind. Nun aber sehnen sie sich nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen. Darum schämt sich Gott nicht, ihr Gott zu heißen; denn er hat ihnen eine Stadt gebaut.“
    So fasst der Schreiber des Hebräerbriefes die Erfahrungen des Volkes Gottes im Alten Bund zusammen.

    Auch wir sind Gäste.
    Eigentlich bin ich gerne Gast. Das kann heißen: Ein anderer sorgt für mich. Ja, ich darf mich verwöhnen lassen, muss mich um nichts kümmern. In der Wüste flossen zwar noch nicht Milch und Honig, doch war alles zur Genüge da, was das Volk brauchte. Weil Gott mit ihm war.
    Der Bleibende, der Ewige macht sich auf den Weg mit und zu uns vergänglichen Menschen. In Jesus kommt er hinein in eine Welt, die ihn nicht wirklich sucht und vermisst. Von ihm bezeugt der Verfasser des Hebräerbriefes: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“. Er nimmt Wohnung bei mir und gibt meinem Leben schon jetzt eine neue Qualität. Mit ihm darf ich an Gottes Reich bauen. So berührt die Ewigkeit meine Zeit.
    Da tut sich ein weiter Raum auf. Die Grafik von Stefanie Bahlinger lässt ihn hinter und über den beiden Türmen erahnen. Wie hinter einer Burg liegen die kleinen Häuser in ihrem Schutz. Die Türme sind keine bedrohliche Festung, sondern offen: zwei Tore gewähren einen Blick hindurch, erinnern an das Goldene Tor in Jerusalem, durch das der Messias kommen soll. Ein durchaus fröhliches Bild, wären da nicht die herumliegenden Steine am unteren Bildrand. Sie erinnern mich daran, dass mein Lebenshaus nicht sicher ist. Es ist einsturzgefährdet. Ob die kleine und die große Burg auch ein Bild für meinen Glauben sind? Er bewahrt mein Lebenshaus vor mancher Gefahr, doch auch er kann bröckeln. Wenn er mir den Blick für das Wesentliche verstellt, muss das nicht schlimm sein. Mein Glaube muss offen bleiben für die Wirklichkeit „dahinter“: für Gottes ewiges Reich. Dann kann der Blick auf die herabstürzenden Steine auch befreiend sein, weil all meinem Tun und Glauben das Prädikat „zerbrechlich und vorläufig“ anhaftet.
    Das Kreuz lädt mich immer wieder ein, den Blick „dahinter“ zu wagen. Mit zarten Strichen in der Bildmitte gezeichnet, wirkt es fast schwebend. Es steht sozusagen quer, ist die Verbindung von meiner Welt zum himmlischen Jerusalem: schemenhaft sehe ich eine Stadt in helles Licht getaucht, das nach oben hin golden abstrahlt. Über dem großen Turm erhebt sich in gleißendem Licht eine Art Krone mit großer Perle: Das himmlische Jerusalem, die Stadt Gottes, in der es kein Dunkel, keine Schuld, kein Leid, keinen Tod mehr gibt! - Noch lebe ich in einer unheilen Welt, die die weiteren Kreuze andeuten. Die Wörter am unteren Bildrand mögen Versuche sein, die vielen Fragen nach dem „Warum“ zu beantworten. Der violette Farbton erinnert daran, dass Schuld und Zerstörung nicht das letzte Wort haben, sondern jederzeit Umkehr möglich ist. So scheinen sich die großen und kleinen, dicht aneinander gedrängten Häuser nach dem Licht auszurichten. Erdiges Grün schimmert durch ihre Mauern, findet sich verstärkt am linken Bildrand und zieht sich nach oben hin zum Licht. „Aus Erde sind wir gemacht“ – allerdings mit dem Prädikat „von Gott geliebt und zu ewigem Leben bestimmt“. – Vielleicht deshalb die strahlend roten Dächer?

    Wenn ich bei ihm sein werde, werde ich nichts mehr fragen müssen, dann ist alles klar. Dann bin ich angekommen. Daheim.

    Doch schon hier bin ich eingeladen, in der Gegenwart Gottes zu leben, immer mit der Sehnsucht im Herzen:
    „Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell hinein, dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine, selge Ewigkeit!“
    EG 680 

    Text: Renate Karnstein 

    Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de

    Die Auslegungstexte finden Sie unter: www.jahreslosung.eu